Am 6.März hat sich unsere kleine aber feine Gruppe wiedergetroffen um sich dem Thema Wohnen zu widmen und GeWOHNtes zu reflektieren. Herr W. ist einer unserer Besucher. Schon bei seinem ersten Besuch stellt sich heraus dass er gut und gerne schreibt:

“ Ich stieg aus der U-Bahn aus, U2 Messe Prater, eine der neuen Stationen. Hell, einladend, noch sauber und auch ein bisschen hip. Von weitem sah ich ein Grüppchen Menschen am Bahnsteig, ich habe eine Jahreskarte den Wiener Linien, dachte ich, kein Grund zur Sorge, ich bin ein VIP mit rotem Plastikkärtchen. Hatten sie gesagt, sie warten am Bahnsteig, beim Ausgang, vor dem Ausgang, nach dem Ausgang? Ist mir entfallen, bin froh, dass ich es bis hierher geschafft habe, dass es jemanden gibt der sich auch darum kümmert, wie ich wohne, ja sogar wie ich wohnen mag, nicht nur, dass ich überhaupt ein Dach über dem Kopf habe. Ist Wohnungslosigkeit ein Verbrechen? Bin ich kriminell, muss ich nachschauen, weil manchmal bin ich mir gar nicht sicher.
Ich taste mich vorsichtig an die Gruppe heran, wie Schwarzkappler sehen die ja nicht aus, viel zu auffällig, gar nicht fokussiert auf Beutefang. Ich kenne niemanden von der Gruppe, auf den ersten Blick sehe ich meine zukünftige Betreuerin auch nicht. Ich will schon fragen, ob und vielleicht und ich bin hier weil, doch jemand kommt mir mit einem Lächeln zuvor. Die interessierte Frage nach meiner Person wirkt einladend und entspannend auf mich, jetzt sehe ich auch meine Betreuerin, sie steht links von mir und heißt mich herzlich willkommen. Ein kurzes Handshake später  ist alles klar. Wir sind ein kleines feines und sehr interessiertes Grüppchen aus Menschen, mit und ohne und auch schon bald wieder einem Dach über dem Kopf, bunt gemischt vom Alter, ein paar Frauen und ein paar Männer. Jemand kristallisiert sich als unser „Fremden“führer heraus. Wir starten los und beim Ausgang Vorgartenstraße wird klar, warum gerade diese Dame unseren heutigen Ausflug leitet. Historisches, Architektonisches, Städtisches, Interessantes, Kurioses, Witziges, die Informationsfülle ist deftig, gut abgerundet mit Pausen für Rückfragen, Meinungsaustausch und zum Durchatmen. Es hat geschneit, es ist kalt, die Straße ist nass und matschig. Wir wundern uns, seit wann es im Stuwerviertel so laut ist, hat doch die Stadt erst in den letzten Jahren die Gegend großflächig beruhigt. Wir überlegten kurz, der Grund war bald gefunden. Die Autos, die durch den nassen Schneematsch fuhren, waren ganz schön laut. Wir wechselten in den Innenhof eines Gemeindebaus, eines noch „g‘scheiten“ alten, mit ein paar Schnörkeln und verschieden gestalteten Fenstern. Es schien, als ob sich damals die Architekten noch austoben durften. Die Idee des sozialen Wohnbaus im zum Teil wieder aufgebauten Wien war, den Menschen Sicherheit zu vermitteln, darum erinnert dieser Gemeindebau an eine Burg aus dem Mittelalter. Gelungenes Konzept, wie wir finden, vor allem war es herrlich ruhig, noch im Gegensatz zu von vor einer Minute. Hier lässt sich‘s aushalten, interessante Details entdecken, doch wir müssen weiter, die Tage enden auch in Wien mit einem Sonnenuntergang. Weiter geht’s Richtung Vorgartenmarkt, Wohnideen sammeln, wir sehen einen Mini-Gemeindebau, der nur aus einem Wohnblock besteht, sehr sanierungsbedürftig, aber beseelt von einem würdigen, gelassenen Charme, der die Zeit und den Neubauwahnsinn überstanden hat. Am anderen Ende steht ein Neubaublock, genauer zwei davon und sie haben auch noch die Frechheit, nicht im rechten Winkel zu irgendwas zu stehen. Ich würde ihn als „Hochwasserhosenneubau“ bezeichnen, das unterste Stockwerk hat einen kleineren Grundriss und die oberen Stockwerke bilden rundherum einen Überhang. Die Wohnungsfronten sind vollflächig verglast, mit einer Art Zimmer nach außen mit Geländer. Ist auf alle Fälle ein Blickfang und der Architekt hatte sicher seinen Spaß dabei. Das sei ein wenig von den Amerikanern abgeschaut, hörte ich auf die Nachfrage, woher diese Idee stamme. Wir spazierten weiter in die Vorgartenstraße, die heißt so, weil alle Häuser tatsächlich auch einen Vorgarten haben. Wunderschön gemütlich, entspannt und hübsch anzusehen, an der Ecke ist wieder ein Gemeindebau, der sieht jetzt wirklich aus wie eine Burg, riesig, sogar mit einer Art Terrasse, die zur Reichsbrücke schaut. Alles noch aus der Zeit, wo es wichtig war, den Reisenden und Neuankömmlingen, die mit Hilfe der Reichsbrücke die Donau überquerten, einen guten ersten Eindruck von Wien zu vermitteln. Sie als sichere und gastfreundliche Stadt zu präsentieren. Unsere Phantasie kommt in die Gänge. Haben damals von besagtem Gemeindebaubalkon hübsche Damen mit bestickten Seidentüchern gewunken, blieben deswegen so viele Menschen in Wien und wollten nie mehr wieder weg? Möglich wäre es. Wir überqueren die Lassallestraße und stärken uns in einem Obstgeschäft mit frisch gepressten Säften und anderen Kleinigkeiten, die sich finden lassen. Angefrorene Zecherl und Nasenspitzen tauen auch gleich auf. Gibt‘s was Schöneres? Der letzte Teil unserer Stadtführung bricht an und ein Haus weiter landen wir abrupt im Heute. Das neugebaute Nordbahnviertel. Alles neu, Häuser, Straßen, Spielplätze, Schulen, Kaufhäuser, Busstationen und Randsteine, alles funkelnagelneu. Wir versuchen uns zu konzentrieren, die frischen Vitamine helfen uns dabei. Was auffällt ist, hier ist nichts gleich. Mit und ohne Balkon, hoch und weniger hoch, großer Vorplatz oder gar keiner, vereinzelt stehend und in Grüppchen gekauert. Viel zum Schauen, fad ist es hier schon mal nicht. Ah, hier hat sich nicht nur ein Architekt austoben dürfen, sondern gleich mehrere. Für einen derartig neuen Ansatz gut gelungen, zumindest bleiben vorerst alle gespannt und fragen sich, was der Architekt mit einem pinken – nicht rosanen oder violetten, nein es ist ein pinker, durchsichtiger Balkonverbau – bezwecken wollte. Die Dame vom Fach, es stellte sich im Laufe des Tage heraus, dass unsere Speerspitze eine gelernte Innenarchitektin ist, die im Auftrag des AzW den Workshop leitet, musste, wie ich glaube, ein wenig schmunzeln, sie wusste auch keine zufriedenstellende Antwort, warum gerade pink. Schön, dass in Wien jeder so darf wie er will, auch in allen Farben. Zum Abschluss wird’s nochmals sehr spannend, wir sind in eine Wohnung eingeladen. Nicht irgendeine Wohnung, sondern die Wohnung einer Architektin vom AzW. Im sechsten Stock eines der neuen Häuser im Nordbahnviertel. Raus aus den Schuhen, wie sich`s gehört, und rein in die gemütliche Wohnung, Kaffee gibt’s auch, na das passt, da bleiben wir. Interessantes Wohnungskonzept, zwei Ebenen, alles wirkt ineinander verschachtelt, erinnert an die bunten Holzbauklötze aus unserer Jugend. Oje, kennt keiner. Die Vorgänger vom Lego meine ich, die sollte aber jetzt jeder kennen. Die Raumaufteilung ist eher klassisch, Vorraum mit WC, zentraler Zugang zu Wohnzimmer, Esszimmer, Küche und Speis, Schlaf- und Privaträume im Obergeschoß. Direkter Anschluss der großzügigen Terrasse an die Küche. Wir nehmen am Küchentisch Platz und diskutieren über die vergangenen Stunden, lernen uns näher kennen, trinken Kaffee, fühlen uns wohl. Menschen finden über ein gemeinsames Thema zusammen, glaubt man gar nicht, dass da grad Leut‘ sitzen, die so wahrscheinlich nie zusammengefunden hätten, aber jetzt sitzen wir und träumen von neuen Wohnideen. Der Kaffee ist aus, wir werden kurz gebrieft, wie es mit dem Workshop weitergeht. Nächstes Mal sind wir direkt vor Ort im AzW im MuseumsQuartier, spannende G‘schicht. Wir verabschieden uns und freuen uns auf das nächste Mal.“